Wo ihr schon die Welt der furchteinflößenden Monster aus dem bayrischen Wald eingeführt worden seit, ist es Zeit, sich um die Monster des Alltags zu kümmern. Diesen Montag habe ich einem der größten Monster, welches wir Menschen kennen, in die Augen gesehen: Das Hilfe-mein-Schüssel-ist-mit-der-Bahn-weggefahren-Monster.

So wichtig ist der Schlüssel

Gut, ein fast schon einfacher Gebrauchsgegenstand, den man jeden morgen mir nichts dir nichts in seine Tasche pfeffert. Aus Gewohnheit trage ich meinen Schlüssel (Achtung: Spoiler für alle Taschendiebe) immer in meiner linken Jackentasche. So ist er stets in griffnähe, wenn es darum, die wichtigen Türen in meinem Leben zu öffnen. Dieser Prozess hat sich über die Jahre dermaßen automatisiert, dass ich gar nicht mehr viel darüber nachdenke. Wenn dann jemand erzählt hat, er habe seinen Schlüssel verloren, musste ich schon fast verschmitzt in mich hineingrinsen — denn mal ehrlich: wer ist so blöd und verliert einen Gegenstand der magischen Drei (Schlüssel, Handy, Portemonnaie)? Die Antwort? Ich.

I saw him rollin‘, i lost him

Auch der größte Sportler der Welt wird nach einem anstrengenden Lauf von seinen Kräften verlassen. Dank der herrlichen Anbindung, die mir das Kölner Nahverkehrsnetz zur Verfügung stellt, kann ich so die letzten Kilometer doch ein wenig schummeln. Blöd nur, wenn man ein Tagträumer ist und seinen Ausstieg verpasst. An der nächsten Station noch aus der Bahn gehastet, bemerkte ich dann: „Moment mal, etwas fehlt hier“. Meine sonst gut gefüllte linke Jackentasche hatte sich um meinen Schlüssel erleichtert. Vielleicht hat ihm eine Fahrt mit der KVB so gut gefallen, dass er gerne noch ein Stückchen weiterfahren wollte? Oder er war noch nie in Chorweiler und wollte sehen, wie es den anderen Schlüsseln so ergeht. So kam es, dass er sich — ohne mich — auf die Weiterreise begeben hat. Völlig verzweifelt blieb ich zurück. Die Türen meines Lebens haben sich in diesem Moment mit einem gewaltigen Knall geschlossen.

Improvisation und Mental Breakdown

Halb verschwitzt in lässigen Joggingklamotten einen mentalen Zusammenbruch auf einem der größten innerstädtischen Plätze zu haben ist wahrlich eine Erfahrung, die man sein Leben lang nicht vergessen wird. Wie konnte er mir das nur antun? Mich hier ganz alleine zurücklassen. Wuchtartig schossen die Tränen in mein Gesicht, Verzweiflung machte sich breit und mein Paranoia malte sich die schlimmsten Gedanken — und vor allem Kosten — aus, die mich jetzt erwarten würden. Wie ein Alzheimerpatient irrte ich durch die Gegend, nichtsahnend, wie es jetzt mit mir weiter gehen sollte. Ich versuchte mich zusammenzureißen und mit meinem letzten Charme einen anderen Bahnfahrer um Hilfe zu bitten. Vielleicht funktioniert ja der Funk von Mann zu Mann. Doch leider verstand er nicht. Wie nach einem schlechten Date gab er mir eine falsche Nummer unter der ich niemanden erreichen konnte. Verrückt, so krass geschwitzt habe ich nun auch nicht.

Die Rettung naht

Doch, als einfallsreiches Mitglied der Generation-Y konnte ich meinen Frust in sozialen Netzwerken auslassen. Und siehe da: die Menschen springen darauf an. Wie kleine Motten, die nach einer Lichtquelle suchen, sogen sie meine traurige Story in der Hoffnung auf, mir helfen zu können. Als wäre ein Pokémon-Go Happening gestartet erreichten mich tausende Nachrichten mit Sichtungen meines besagten Schlüssels, der mittlerweile auf zwei Rollerblades und mit einem Pina Colada in der Hand unterwegs in Richtung Trabantenstadt war. Doch so schlitzohrig der Kleine auch war, den Reizen einer jungen Dame war er sofort erlegen — und ging in ihr Netz. Ein Telefonat später konnte ich ihn dann wie ein verlorenes Kind am IKEA-Kinderparadies abholen. Meine Türen stehen seitdem offen.

Categories: Hörensagen

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