Viele Menschen machen große Reisen. Lange Zugreisen über Grenzen hinaus fahren sie in die Ferne und suchen das Glück im Unbekannten. Doch was ist eigentlich mit unseren alltäglichen Bahnfahrten? Die, auf dem Weg zur Arbeit? Oder die auf dem Weg zum Brunch mit den Freunden. Sind sie weniger spektakulär? Führen sie weniger in das Unbekannte? Kann ich auf einer zehnminütigen U-Bahn-Fahrt genauso viel erleben wie im Nachtzug nach Wien?

Fahre ich mit der Bahn ist es jedes Mal ein Abenteuer. Gut, ich nehme gerne die Position des stillen Beobachters ein. Geschützt durch den angeblichen Schein meiner Kopfhörer kann man Gespräche aufschnappen, die eigentlich nur für zwei Personen bestimmt sind. Intime Details gleiten den Menschen über die Lippen wie der Skispringer über seinen Absprung. Geheimnisse, so dunkel wie der Winter selbst, offenbaren sich mir — und das ohne, dass ich etwas dafür tun muss. Man könnte fast meinen, ich werde zum Therapeuten, ohne jemals ein psychologisches Gutachten auszustellen. Meine Gedanken behalte ich für mich. Könnte man daraus bloß ein schönes Foto für Instagram machen? Aber das ist bestimmt nicht so spannend, wie der Städtetrip nach Wien, um meine neue Vintage Yves Saint Laurent Couture meinen Followern zu präsentieren.

Die U-Bahnfahrt als Abenteuer

So weit so gut. Was passiert denn nun auf zehn Minuten Bahnfahrt? Ich steige ein und nehme Platz zwischen zu vielen Menschen. Meine Organe spielen Twister. Ich kann nicht atmen, weil ich Angst habe, die Menschen hören es. Der Nachtzug nach Wien wäre jetzt bestimmt angenehmer. Wäre da nur nicht – ich nenne so mal frei so – Mia.

Mia kauert auf dem Boden der Bahn. Neben sich ausgebreitet hat sie ihr ganzes Hab und Gut, Zigarettenstummel und Tabak liegen auf der Tasche. Sie ist unglaublich dreckig. Eine Dusche hat sie wohl schon lange nicht mehr gesehen. Ihre dreckigen Knie pressen sich aneinander wie die Lippen von zwei Liebenden. Ich kann nicht aufhören sie nicht anzustarren. Ihre erbärmliche Gestalt kitzelt das Mitleid in mir. Sie hat Wien bestimmt noch nie gesehen?

Existenzkrise

Die Menschen ignorieren Mia gekonnt, denn was soll man auch anderes tun? Man sieht beinahe täglich Menschen wie sie. Die, die am Rande stehen. Die ohne Ticket Bahnfahren. Die vom Rand eines Kreises, den sie niemals wirklich betreten können. Ich stehe im Kreis und kann nicht raus. Zu fest gefangen in meinem persönlichen Alltag und erste Welt Problemen, die ich mir zu 90% selber mache, (Hey, Einsicht ist der erste Weg zur Besserung) kann ich nichts tun außer Glotzen. Die Frage ist nun: wären nicht die schönen Landschaften, die Deutschland so zu bieten hat, jetzt ein angenehmer Anblick?
Die Frage kann jeder für sich selbst beantworten, richtig oder falsch gibt es nicht. Mia murmelt irgendwas von Aufregung. Fragen wie „Was hat sie erlebt? Was hat sie hierhin gebracht?“ schießen durch meinen Kopf und lassen mich das Getöse um mich herum vergessen.

Das Ende vom Lied

Es dongt. Am Bahnhof muss Mia aussteigen. Sie fährt zurück nach Wien. Und ich? Ich werde diesen Anblick wohl lange Zeit nicht vergessen. Jetzt soll mir noch einmal wer sagen, dass man auf einer U-Bahnfahrt nichts erlebt.

Categories: Hörensagen

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